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Roman

Reyk Jorden SinnfinsternisNovember 2017

Sinnfinsternis - Reyk Jorden

Trent Adams hasst die Welt, die Menschen und am meisten sich selbst. Gehässig betrachtet er die wiederauf­erstandenen Toten als konsequenten Schritt der Evolution, ahnt aber nicht, dass die Zombies das geringste Problem in Georgetown sind.

Reyk Jorden liefert mit »Sinnfinsternis« einen Zombieroman, der vom Sarkasmus des Ich-Erzählers lebt, mit genretypischen Klischees kokettiert und klassische Untotenmotive zelebriert. Umrahmt von einem pessimistischen Menschenbild bleibt die Geschichte trotz Nuancen feinen Humors überaus zynisch, brutal und schonungslos direkt. Definitiv nichts für Zartbesaitete.

Leseproben

Romero, der Prophet

Als die Schreckensmeldungen aus sämtlichen Teilen der Welt nach Georgetown schwappten, teilte der Bürgermeister die Stadt umgehend in Abschnitte auf und evakuierte gefährdete Sektoren, zum Beispiel den mit dem Friedhof. Tatsächlich organisierte Franklyn, Ex-Marine, passionierter Jäger und Vorsitzender des städtischen Seniorenheims, eine Bürgerwehr, die ordentlich aufräumte und die A-Sektoren sicherte. Wie in einem Rausch zerlegte die alte Garde Horden von ehemaligen Frauen, Kindern, Verwandten, Bekannten, alles, was sich unter dem schlurfenden Gesocks befand. Franklyn schwafelte ständig von Romero, den er nicht als Regisseur betrachtete, sondern als Prophet, der das Unheil vorausahnte. Im Anschluss an das Friedhofsmassaker schrieb ich einen Bericht über die Schlachtercrew. Franklyn bat mich, ihn wörtlich zu zitieren: »Night of the Living Dead war keine sozialkritische Allegorie, sondern eine filmische Prophezeiung. Hat man das verinnerlicht, lässt sich Romeros Werk als Lösung unserer gegenwärtigen Probleme lesen.« Franklyn lehnte beim Sprechen lässig auf seiner Flinte und kratzte mit einem Messer über sein blutverschmiertes Kinn. Unter innerlichem Gelächter notierte ich seine Worte und versprach ihm sein gewünschtes Zitat. Ich schrieb es, aber gelesen hatte es bestimmt keiner, obwohl, Steinbeck vielleicht.

Essentielle Erkenntnisse

»Du tust so, als wären alle Menschen gleich schlecht. Ich habe auch nicht die besten Erfahrungen mit anderen gemacht, aber ich weiß, dass es genügend gibt, die eben nicht so sind.«

»Aber sie verstecken sich, ich kenne nämlich keinen. Nicht einen einzigen«, verzettelte ich mich. Natürlich führte ich seltene Exemplare von Nichtarschlöchern in meinem Bekanntenregister, Sarah, mein Junge. Oder irrte ich? Klammerte ich mich an austauschbare Gefährten, die ich sah, wie ich sie mir im Geiste zurechtbog? Das erklärte zumindest, warum ich mich nie um sie kümmerte, obwohl sie es verdient hatten. Je länger ich darüber nachdachte, desto heftiger strauchelte ich. Lag es an mir? Projizierte ich Arschlochbilder in menschliches Gewebe? Nein, niemals, denn ich meinte das Arschlochsein von globalem Ausmaß, erdumspannend gültig, mondial genormt, von der eigennützigen Spitze des Kollegen oder Freundes, die sich wie die Dolchklinge im Rücken bemerkbar machte, bis hin zu den ausgewachsenen, aufgeblasenen Arschlöchern, Kriegstreibern, Desinformanten und Querulanten, machthabenden Machtsüchtigen, die ihr unbedeutendes Strahlen mit gottgleichem Glanz verwechselten. Und doch blieb als Rest der reflexiven Eigenwahrnehmung nie mehr übrig als das schattige Abziehbild des idealen Selbst, der Superlativ eigener Wunschvorstellungen. Das prototypische Arschloch betrachtete sich als besser, dem Rest überlegen, über alles erhaben, doch hing der wuchernde Narzissmus am Tropf der Bestätigung wie der Blender an seinen Lügen, um nicht in sich zusammenzufallen. Was ansatzweise größer schien, erlitt Erniedrigung und Relativierung, bis es seinen verdienten Platz im Dreck, unter den Füßen des Arschlochs fand. Willkommen an der Schwelle zu meinem Menschenbild, ein Schreckensgemälde, das kratzte und spuckte, die Existenz als ätzendes Gift in den Adern eines widerlichen Monstrums illustrierte, das sich von innen heraus selbst auffraß. In dieser Welt stand ich, so deutete ich sie und erzeugte meine persönliche Arschlochphilosophie. Dass mir die Begrifflichkeit rückblickend verschwamm, damit rechnete ich nicht, aber wie konnte ich in Anbetracht der sich überschlagenden Ereignisse unterscheiden, ob es sich um eine Philosophie über die Arschlöcher der Welt drehte oder um die Philosophie eines Arschlochs über die Welt?

Blutsverwandtschaft

»Ich kann es nicht glauben. Ich will es nicht glauben. Dreißig Jahre kein Wort, keine Ahnung, wie es dir geht. Ob ich Enkelkinder habe. Dreißig lange Jahre. Trotzdem habe ich dich jeden einzelnen Tag davon über alles geliebt. Jede Minute habe ich an dich gedacht, die Hoffnung niemals aufgegeben.«

Rooney seufzte und ging zu Timothy, um dessen Taschen zu durchforsten. Er fand den Käfigschlüssel, öffnete die Stahlgittertür und zielte auf Elizas Kopf.
»Wie oft habe ich unser Wiedersehen in Gedanken durchgespielt? Wie oft? Aber niemals hätte ich mir das hier träumen lassen.«

Er drückte ab. Nichts.

»Scheiße, verdammte!«

Den Inhalt seiner letzten Patrone hatte er in Timothys Brust entleert. Der Alte drehte die Flinte und schlug mit dem Kolben auf Elizas Kopf ein. Einmal, zweimal, immer schneller und fester, bis die Schädeldecke nachgab und aufbrach wie eine Piñata, die keine Süßigkeiten spendete, sondern vereiterte Hirnmasse und stinkendes Blut, das sich, begleitet vom rhythmischen Klang berstender Knochen, auf Rooneys Kleidung, Gesicht und im übrigen Raum verteilte. Der Kolben durchbrach die Höhlen der Augen, bahnte sich Wege durch schmatzendes Fleisch, trieb Nasen- und Jochbein in Richtung des Nackens, bis ein letzter Schwung einzelne Zähne durch die Luft wirbelte. Rooney keuchte vor Anstrengung, zog den Stuhl aus dem Käfig und hievte den Rest seiner Tochter auf die Couch, um ihn respektvoll mit einer Decke zu verhüllen. Im Anschluss wandte er sich Timothy zu, schleifte ihn in den Käfig und riegelte ab.

»Ich hätte gerne zugesehen, wie du wieder aufwachst, du mieser Wichser, aber ich ertrage es hier nicht länger.«

Rooneys Hand zitterte unkontrolliert, als er in seine Jackeninnentasche zu seinem Flachmann mit dem Selbstgebrannten griff. Ein Schütteln offenbarte sogleich die Misere.

»Das darf doch nicht wahr sein. Kleiner? Wir brauchen Munition. Und Schnaps«

Infos

Sinnfinsternis
von Reyk Jorden
316 Seiten, Taschenbuch, Softcover

ISBN: 978-3-7450-5718-8

Preis: 13,90 €

eBook

  • ePub2 ohne DRM, ca. 895 kb
  • mobi / Kindle-Edition, ca. 3,6 MB

ISBN: 978-3-7450-7728-5

Preis: 5,49 €

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